«Wir verzichten nicht auf Marge»: Also-CEO Wolfgang Krainz im Interview mit Finanz und Wirtschaft
Also-CEO Wolfgang Krainz erklärt, wie der Konzern auf steigende PC-Preise reagiert. Er spricht über eine mögliche Zusammenarbeit mit KI-Giganten sowie über die Expansion mit intelligenten Industrieprodukten.
Marc Bürgi | Publiziert: 09. Juni 2026 | Finanz und Wirtschaft (fuw.ch)
Die Also-Gruppe hat diesen Frühling neue Ziele für die nächsten Jahre gefasst. Die Ambitionen sind gross, was auch darum bemerkenswert ist, weil sich der IT-Markt durch künstliche Intelligenz grundlegend verändert. CEO Wolfgang Krainz legt im Gespräch mit FuW dar, wie er die Prognose erreichen will: durch neue Angebote im Bereich Internet der Dinge (IoT), Akquisitionen sowie die Zusammenarbeit mit KI-Giganten.
Herr Krainz, letztes Jahr hat die Also-Gruppe die finanziellen Ziele nur knapp erreicht. Wird 2026 ein stärkeres Jahr?
Wir lagen 2025 an der unteren Kante unserer Prognose. Sprich: Guidance versprochen, Guidance gehalten. Wir haben eine sehr gute Ausgangsposition geschaffen für die weiteren Wachstumsschritte 2026 und darüber hinaus. Letztes Jahr haben wir auch Westcoast akquiriert und damit unsere Tätigkeit auf Grossbritannien ausgeweitet.
Neben Grossbritannien ist Deutschland Ihr grösster Markt. Dort ist der für 2025 erhoffte Aufschwung ausgeblieben. Wie zuversichtlich sind Sie für Deutschland in diesem Jahr?
Deutschland war im letzten Jahr volkswirtschaftlich gesehen herausforderndes Fahrwasser. Wir haben bei den Grossaufträgen – Stichwort öffentliche Verwaltung – Verzögerungen im Markt verzeichnet. Das Marktsegment, auf dem unser Fokus liegt, der Mittelstand, ist hingegen ganz gut durch das Jahr gekommen, da war keine durch Regierungsaufträge beeinflusste Dynamik zu verzeichnen. Insgesamt war es ein gutes Jahr für uns in Deutschland. Die Nachfrage bei Software oder Cybersecurity ist ohnehin nicht mehr direkt mit der konjunkturellen Entwicklung gekoppelt.
In diesem Jahr wird es noch besser?
Absolut, Deutschland ist auch heuer ein Markt, in dem wir wachsen. Ich sehe eine Besserung in der deutschen Wirtschaftslage insgesamt.
Sie sind ein wichtiger Wiederverkäufer von Microsoft-Produkten. Letztes Jahr forderte der Tech-Konzern von seinen Partnern Umsatzquoten ein, wodurch einige Ihrer Konkurrenten mit aggressiven Preisen um Aufträge buhlten. Sie liessen sich nicht auf Preiskämpfe ein. Können Sie sich leisten, auf Geschäfte zu verzichten?
Dass Partner Schwellenwerte erreichen müssen, um die Verträge von Microsoft zu behalten, spüren wir in den Einstiegssegmenten. Das umfasst Commodity-Produkte, etwa das Softwarepaket Office 365. Von diesem Einstiegssegment bewegen wir uns weg. Für uns interessant sind die hochwertigen Bereiche, beispielsweise Azure – also Data Center as a Service – oder Microsoft Security, sowie Artificial-Intelligence-Produkte. Wir wachsen ausserordentlich gut mit Microsoft, auch heuer.
Dieses Jahr dürften die globalen PC-Verkäufe sinken, weil die Preise aufgrund des Engpasses bei Speicherchips steigen. Wie hart trifft Sie diese Entwicklung?
Stand heute sehen wir eine gute Nachfrage in unseren Kundensegmenten, quer über die Länder betrachtet. Dank unserer vorsorglichen Lagerbildung und der engen Abstimmung mit den Herstellern konnten wir diese Nachfrage befriedigen.
Können Sie die Preissteigerungen weitergeben?
Grundsätzlich ja. Wenn Hersteller die Preise erhöhen, passen wir unsere Preise auch an.
Mit anderen Worten: Sie verzichten nicht auf Marge?
Nein, wir verzichten bewusst nicht auf Marge. Die Marktsituation ist kein Nachteil, wir profitieren davon. Einerseits, weil wir sehr vorausschauend einkaufen, in einer sehr engen Abstimmung mit den Herstellern. Zum anderen stimmen wir den Bedarf mit unseren Kunden eng ab, damit wir die richtige Versorgungslage im Markt treffen.
Besteht die Gefahr, dass Sie sich verschätzen und zu grosse Lager bilden?
Wir wissen von den meisten Kunden, welche Nachfrage sie in den nächsten Monaten an uns richten werden. In vielen Unternehmen löst die Modernisierung der IT einen grossen Bedarf aus. Sie müssen sie für KI-Produkte und -Software kompatibel machen. In der jetzigen sehr guten Marktsituation habe ich keinerlei Sorgen, dass unser Lagerbestand zu einem Problem wird.
Sie bezeichnen künstliche Intelligenz als grosse Chance für Also. Besteht nicht auch die Gefahr, dass Sie durch KI Aufträge verlieren – beispielsweise wenn Kunden selbst KI-Applikationen entwickeln, statt Software über Also zu beziehen?
KI-Software gefährdet unsere Position in keiner Weise. Denn die Softwareprodukte, die Also vertreibt, glänzen dadurch, dass sie sich nahtlos in Prozesse von Unternehmen integrieren. Zahlungsschnittstellen oder Verrechnungsschnittstellen sind nicht leicht ersetzbar. Für uns ist KI eindeutig eine Chance, da besteht keine Ambivalenz. Denn bei KI geht es nicht nur um Software. Es geht auch um die Geräte, auf denen diese KI-Instrumente betrieben werden. Zum Beispiel um Mobilgeräte oder Notebooks. Wenn man diese verschiedenen Themen betrachtet, kommt man schnell auf sechs bis sieben KI-Produktkategorien, die wir abdecken und in denen wir Geschäfte machen können.
Ihre Ziele für das Jahr 2029 sind ambitioniert: Sie wollen den operativen Gewinn Ebitda im Vergleich mit 2025 um 50% steigern. Analysten trauen Ihnen im Schnitt laut Bloomberg einen solchen Sprung nicht zu. Wie viel Hoffnung steckt in dieser Prognose?
Wir sind sehr zuversichtlich, weil wir wissen, mit welcher Wachstumsmechanik wir das Geschäft profitabel entwickeln können. Das Erfolgsrezept ist unsere Mischung aus organischem Wachstum und der anorganischen Dynamik, sprich: unserer Übernahmepolitik, also M&A. Wir verfügen über mehrere Instrumente, die die Profitabilität und die Resilienz unseres Geschäftsmodells stärken. Das ist auf der einen Seite der Kundenmix. Wir analysieren laufend, mit welchen Kundengruppen wir profitabel sind und wachsen. Und wir beschäftigen uns ständig intensiv mit unseren Produktkategorien, um herauszufinden, wo das grösste Wachstumsmomentum ist. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Herstellern. Ein Team arbeitet permanent daran, diese Beziehungen zu optimieren und neue Hersteller an Bord zu bringen.
Streben Sie auch eine Zusammenarbeit mit den neuen KI-Konzernen an, beispielsweise OpenAI oder Anthropic?
Jeder der grossen Anbieter von KI-Lösungen wird sich früher oder später überlegen, wie er den Mittelstand – kleine und mittlere Unternehmen – erreichen kann. Wir pflegen eine enge Beziehung zu KMU in ganz Europa und können als Vertriebskanal einen Multiplikator für das Geschäft dieser Anbieter darstellen.
Sind konkrete Gespräche mit KI-Anbietern im Gang?
Es gibt vielfältige Andockpunkte, mit verschiedensten Akteuren sind wir im Gespräch. Es kommt bald die Zeit, dass wir neue Partnerschaften verkünden können.
Sie haben den Fahrplan aufgezeigt, wie Sie Ihre Ziele bis 2029 erreichen wollen. Wenig Klarheit besteht hingegen bei der Übernahmestrategie. In welcher Region und auf welchem Gebiet möchten Sie sich durch Zukäufe stärken?
Unsere M&A-Aktivität hat zwei Stossrichtungen. Zum einen geht es um die Vergrösserung unserer Marktanteile. Wir wollen in jedem von uns bespielten Land ein relevanter Anbieter sein. Aus diesem Grund haben wir beispielsweise über die letzten Jahre in Zentral- und Osteuropa Distributoren gekauft. Über M&A wollen wir aber auch unser Angebot an Technologien verbreitern. Zum Beispiel haben wir 2021 in Spanien Ireo erworben, ein auf Cybersecurity spezialisiertes Unternehmen. Nach der Übernahme haben wir Madrid zu unserem Kompetenzzentrum für Cybersecurity gemacht.
Können Sie uns eine Technologie nennen, über die Sie verfügen möchten?
Wir sind am Kauf von IT-Distributoren im Bereich KI-Infrastruktur und Cybersecurity interessiert, um unser Angebot an Produkten und Herstellern zu stärken.
Solche Technologien sind gesucht. Werden für Anbieter aus diesen Gebieten nicht zu hohe Preise verlangt?
Also hat die Kapitalkraft und die Bilanzstärke, um Übernahmen zu finanzieren. Entscheidend sind immer der Business Case und die Vertriebschancen. Wir erwarten aus jeder Akquisition den Rückfluss des investierten Kapitals binnen 24 Monaten. Diese Bedingung muss bei jeder Übernahme erfüllt werden können.
Schliessen Sie eine so grosse Übernahme wie Westcoast für die nächste Zeit aus? Für das britische Unternehmen haben Sie letztes Jahr rund 0,5 Mrd. € bezahlt.
Westcoast war ein grosser Schritt für uns. Ich schliesse Übernahmen in diesem Umfang zwar nicht aus, tatsächlich ist es aber kurzfristig nicht zu erwarten. Wir sind jedoch auf Ausschau nach Kaufgelegenheiten.
Sie sind letztes Jahr mit Ihrem Cloud-Marktplatz in die USA expandiert. Wieso trauen Sie sich zu, Erfolg zu haben? Sie zählen dort nur zu den kleinen Anbietern.
Über die letzten Jahre war Also ein Cloud-Geschäftspionier in Europa. Wir verfügen somit über mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung auf diesem Gebiet. In den USA gibt es Nischen im Vertrieb, wo Wachstum möglich ist. Wir konfrontieren nicht etablierte Anbieter, sondern betreiben eine Differenzierungsstrategie und suchen Marktsegmente, die noch nicht richtig betrieben werden.
Mit anderen Worten: Sie nehmen kein Risiko in Kauf?
Das Risiko ist gut kontrollierbar. Die Plattform besteht ja bereits, wir passen sie einfach an die Verhältnisse im entsprechenden Land an.
Sprechen wir über Ihr Aktionariat. Die Düsseldorfer Droege Group hält gut 50% – hat sich der Grossaktionär zu einem längerfristigen Engagement bekannt?
Droege ist generell ein langfristig engagierter Aktionär und schon seit dem Zusammenschluss von Also mit Actebis 2011 als Kernaktionär an Bord. Ich verfüge über keine Signale, dass sich daran etwas ändern sollte.
An der Generalversammlung vom März wurden alle Anträge angenommen. Im Vorfeld hatte der Stimmrechtsberater ISS aber Kritik geäussert. Unter anderem bemängelte er, dass die Mehrheit des Verwaltungsrats nicht unabhängig ist. Hat Also ein Problem mit der Corporate Governance?
Unsere Corporate Governance ist sehr gut. Ein starkes Team stellt bei uns sicher, dass alle Standards und alle Anforderungen erfüllt werden. Die Haltung von ISS ist uns natürlich bekannt, und sie wurde bei der Erstellung des Geschäftsberichts berücksichtigt. Die letzten Monate haben gezeigt, dass wir verstärkt auf den Kapitalmarkt zugehen. Wir haben erkannt, dass unser Geschäftsmodell mehr erklärt werden muss.
Werden Sie von nun an quartalsweise über den Geschäftsgang berichten?
Ja, das Echo auf unsere Kommunikation war so gut, dass wir künftig vierteljährlich kommunizieren werden.
Die Aktie ist seit Jahresanfang um über 10% gesunken. Wie besorgt sind Sie über diese Entwicklung?
Ich erwarte, dass sich unsere gute Ergebnisentwicklung im Aktienkurs niederschlägt. Allerdings orientieren wir uns nicht am Aktienkurs. Vielmehr wollen wir Kapitalrendite und Ertrag langfristig steigern. Eine gute operative Performance wird letztlich auch dem Aktienkurs helfen.
Sie sind CEO und leiten zugleich das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ist eine solche Doppelrolle sinnvoll?
Ich schätze diese Doppelrolle sehr, denn dank dieser Nähe zu den Kunden und den Märkten erkenne ich gewisse Dynamiken schnell. Insgesamt ist Also ein im Markt verwurzeltes Unternehmen und nah an den Kunden und den Herstellern gebaut. Das ist einer der Erfolgsfaktoren der Gruppe. Wir lernen nicht nur über Marktforschung, welche Entwicklungen sich abzeichnen, sondern vor allem im Gespräch mit Kunden.
Sie wollen auf Ihrer Cloud-Plattform intelligente Industrieprodukte anbieten, also IoT-Produkte, die mit dem Internet verbunden sind. Bald soll eine neue Zusammenarbeit verkündet werden – jetzt wäre eine gute Gelegenheit dafür.
Die Gelegenheit ist gut, aber leider ist es dafür noch einige Wochen zu früh.
Können Sie beschreiben, um welche Art von Produkten es geht?
IoT ist ein wachstumsstarkes Geschäftsfeld. Ein Beispiel dafür ist die Technologie, mit der die Gebäudebelegung gemessen werden kann. Wenn sich viele Leute im Gebäude aufhalten, wird ein Signal ausgelöst, das den Eingang reguliert. So wird sichergestellt, dass nicht noch mehr Menschen ins Gebäude kommen. Wir sprechen hier über eine Vielzahl von Anwendungsfällen – viele Gegenstände, die wir in unserem Alltag verwenden, geben heutzutage Signale ab.
Was für ein Umsatzvolumen peilen Sie mit IoT-Produkten an?
Wir reden über einen Umsatz in dreistelliger Millionen-Euro-Höhe.