Tuesday, 27. January 2015

Weltbild: „Wir haben eine zweite Chance bekommen“

Interview Süddeutsche Zeitung - von Stefan Mayr und Dieter Sürig

Es hat etwas Symbolisches: Die neuen Weltbild-Chefs Sikko Böhm und Parick Hofmann empfangen im Keller eines älteren Bürohauses im Augsburger Gewerbegebiet. Aus der früheren, repräentativen Zentrale musste der Buchhänder nach der Insolvenz vor einem Jahr ausiehen. Die beiden Manager sind im Herbst angetreten, die von dem Düsseldorfer Investor Walter Droege übernommene Gruppe aus der Krise zu führen. Mehr als 1000 der 2200 Arbeitsplätze sind gestrichen, etwa 70 der 250 Filialen wurden zugesperrt. Nun droht ein weiterer Schnitt: Zusätzliche Stellen könnten wegfallen und laut Betriebsrat 70 Filialen verkauft werden.

SZ: Herr Böhm, Sie kommen aus dem Hause Droege. Welche Vorstellungen hat denn der Investor Walter Droege?
Böhm: Herr Droege hat die ganz klare Erwartung, dass wir das Unternehmen in die Profitabilität führen.

In welchem Zeitraum?

Böhm: Dass das nicht in einem Jahr zu machen ist, haben wir herausgestellt. Mittelfristig werden wir die Profitabilitätsziele erreichen.
Hofmann: Unser Anspruch ist es, die Gruppe schnell in die Gewinnzone zu führen.

Auch auf Kosten weiterer Arbeitsplätze? Der Insolvenzverwalter und der Betriebsrat haben da andere Vorstellungen.
Hofmann: Sie dürfen nicht vergessen: Wir kommen aus der Insolvenz! Wir haben hier Entwicklungen vorgefunden, die so nicht in der Planung berücksichtigt waren. . .

. . . heißt das, der Insolvenzverwalter hat die Situation geschönt?
Hofmann: Die Aufgabe des Insolvenzverwalters war es, die Perspektiven für einen Investor möglichst offen zu gestalten. Das ist auch gut gelungen. Es ist nun unsere Aufgabe, das Thema unternehmerisch ach vorn zu bringen. Wenn jemand davon ausgeht, dass man Weltbild nach Ende der Insolvenz ohne weitere Maßnahmen weiterführen kann, dann ist das illusorisch.
Böhm: Weltbild ist das einzige Unternehmen dieser Größenordnung, das durch den neuen Investor eine zweite Chance bekommt. Diese Chance wollen wir nutzen.

Mischt sich Herr Droege ins operative Geschäft ein?
Hofmann: Weltbild ist auch Herzensangelegenheit und Emotion. Alle Beteiligten bringen sich ein, um Weltbild schnellstmöglich auf Kurs zu bringen.

Die Stimmung unter der Belegschaft ist schlecht, viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Sie haben Angst, dass Sie über kurz der lang alle Filialen schließen wollen.
Hofmann: Die Stimmung ist unterschiedlich – und nein, Weltbild macht aus, dass es Online, über Katalog und mit Filialen im Markt präsent ist. Wir sagen aber auch, jede Filiale muss sich mittelfristig rechnen.

Es heißt, Sie verkaufen 70 Filialen.

Hofmann: Weltbild denkt über den Verkauf eines Teils seiner Filialen nach. Die Erwartungen an die Entwicklung des Geschäfts haben sich an bestimmten Standorten hinsichtlich Umsatz und zu hoher Struktur- und Mietkosten nicht erfüllt. Ein Teilverkauf insbesondere des defizitären Filialgeschäftes wäre eine wichtige Weichenstellung. Wir bedauern auch die erforderlichen Personalmaßnahmen. Hierzu möchten wir sobald wie möglich mit dem Betriebsrat über sozialverträgliche Lösungen sprechen, denn die Zeit der Ungewissheit ist für alle Mitarbeiter belastend.

Aber sieht der Übernahme-Vertrag nicht vor, dass das Konzept Weltbild 2.0, also etwa mehrere Vertriebswege und breiteres Sortiment, umgesetzt werden muss?
Böhm: Weltbild 2.0 ist auch weiterhin Kern
des angepassten Konzeptes. Wir müssen aber, wie bereits erwähnt, der wirtschaftlichen Situation Rechnung tragen.

Die Gespräche mit dem Betriebsrat wurden abgebrochen. Das Vertrauen in der Belegschaft ist gering, weil Sie trotz anderer Zusagen angeblich weitere 200 Menschen entlassen wollen.

Hofmann: Wir sind zum Gespräch bereit. Eine Einigung mit dem Betriebsrat genießt bei uns oberste Priorität. Wir hatten schon vor Weihnachten signalisiert, dass wir jeden Verhandlungstermin möglich machen werden. Es gab eine Unterschriftensammlung von Mitarbeitern, die den Betriebsrat dazu aufgefordert haben, schnell an den Verhandlungstisch zu kommen. Wir haben nun Gespräche für diesen Mittwoch und Donnerstag vereinbart.

Sie werfen dem Betriebsrat Blockadepolitik vor?
Hofmann: Diese Maßnahme wird dazuführen, dass Weltbild anschließend für die Zukunft gewappnet ist, sie ist unumgänglich. Ursprünglich hatten wir geplant, dies 2014 zu realisieren. Dadurch, dass etwas in die Länge gezogen wird, wird es nicht besser.
Böhm: Mitarbeiter, Geschäftsführung und Betriebsrat sitzen im selben Boot. Wir sind an einer schnellstmöglichen Lösung interssiert, weil diese Situation für die Mitarbeiter nur schwer erträglich ist.

Das geht ja auch aus den Mitarbeiter Blogs im Internet sehr deutlich hervor.
Hofmann: Ich kann die Stimmung verstehen, aber ich bin mir sicher, dass wir sehr viele motivierte und engagierte Mitarbeiter haben. Wir haben eine zweite Chance bekommen, ich glaube nicht, dass wir eine dritte Chance bekommen werden.
Böhm: Das Weltbild-Team hat in der Insolvenz hervorragende Arbeit geleistet, und wir erleben viele kompetente und motivierte Kollegen in allen Bereichen.

Der Betriebsrat kritisiert, dass Sie Weltbild tot sparen.

Hofmann: Wir kommen aus einer Insolvenz. Deswegen müssen wir den Kurs ändern, das ist leider auch schmerzhaft, aber nötig. Erste Erfolge sind sichtbar. Operativ haben wir im November ein fast ausgeglichenes Ergebnis, auch wenn wir weniger für Werbung als im Vorjahr ausgegeben haben. Das ist, was am Ende zählt.

Wie hoch sind die Marketingausgaben?
Böhm: Wir wollen dem Wettbewerber keine Vorlage geben. Wir müssen die Ausgaben aber an die Marktentwicklung anpassen. Wir verlagern und entwickeln diese stärker in Richtung Onlinekanal.

Sie haben einen bereits produzierten TV- Werbespot kurzfristig auf Eis gelegt. . .
Hofmann: So ein Werbespot ist nur dann sinnvoll, wenn ein Unternehmen das richtige Grundvertrauen beim Verbraucher hat.

Und das fehlt gerade?

Hofmann: Weltbild hatte damals ein gestörtes Vertrauen beim Verbraucher. Wir sehen aktuell guten Zuspruch. In den ersten Wochen dieses Jahres liegt die Nachfrage über unserer Planung.

Wie wollen Sie denn raus aus der Krise – abgesehen von Sparmaßnahmen?

Böhm: Der Kunde steht im Mittelpunkt. Wir verstehen uns als „Shoppingcoach“ für unsere Kunden, der ihnen gute Produkte empfiehlt. Beim Thema Buch verlegen wir unsere eigenen Ausgaben und freuen uns, dass die Verlage weiterhin eng mit uns zusammenarbeiten. Mit dem E-Buch-Lese-Gerät Tolino haben wir ein starkes Produkt und den Schlüssel für die Positionierung im E-Buch-Markt.
Hofmann: Wir überlegen auch, wieder neue Filialen zu eröffnen. Mieten jenseits der 100 000 Euro pro Jahr kann und will sich eine Weltbild-Filiale nicht leisten

Testen Sie neue Sortimente?

Böhm: Im Non-Media-Bereich leisten wir Aufholarbeit. Wir hatten in den Augen von Kritikern relativ viel Krims-Krams in den Filialen. Wir sind jetzt dran, Angebote aus dem Bereich Home & Living und rund um die Familie einzukaufen und anzubieten. Bisher stand oft ein einzelner aktionsstarker Artikel im Mittelpunkt, heute denken wir in ganzen Sortimenten und Themenwelten.

Wie hoch ist der Non-Media-Anteil?

Böhm: Der liegt seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, bei gut einem Viertel bis einem Drittel.

Wo wollen Sie noch investieren?
Böhm: Im Frühjahr werden wir mit einem komplett neuen Onlineshop live gehen. Wir investieren sehr stark in unser Angebot,in das Thema Tolino und in die Vernetzung dessen, was wir als ,customer journey’ bezeichnen. Wir begleiten den Kunden also vom Tolino über das Internet bis hin zur Filiale.

Was macht den neuen Onlineshop besser als den bisherigen?

Böhm: Ein Kunde, der sich angemeldet hat, kann mit zwei Klicks zum Kauf kommen. Es wird Kundenkonten, feinere Suchen, Merkzettel und Wunschlisten geben.

Wird der Katalog überflüssig?
Böhm: Nein, den Katalog wird es weiter regelmäßig geben, aber er wird stärker zu einem Marketinginstrument und weniger als Vertriebskanal genutzt.

Was macht Sie eigentlich so sicher, dass Ihr Konzept erfolgreich ist? Der kurzzeitige dritte Weltbild-Geschäftsführer Gerd Robertz, der von buecher.de kam, hatte Erfahrung im Buchhandel. Sie kommen aus anderen Branchen.
Hofmann: Vielleicht ist unser neuer Blick auch von Vorteil.

Ist das für Sie austauschbar, Herr Hofmann? Früher haben Sie Elektrogeräte verkauft, jetzt sind’s halt Bücher?
Hofmann: Zahlen sind von Sortimenten erst mal unabhängig. Ich glaube schon, dass es mit einem gesunden Zahlenverständnis möglich ist, auch im Buchhandel erfolgreich zu sein. Und wir sind ja nicht allein: Wir haben hier ein Team mit hervorragender Kenntnis des Marktes, auf das wir bauen können. Wir müssen aus dem sehr behäbigen Tanker Weltbild ein schnelles Schlachtschiff machen, das vielleicht ein Stück kleiner ist, aber sehr flexibel und schnell.

 Quelle: SZ 27. Januar 2015

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